Im März hängen sie wieder überall: die Plakate mit einem Gesicht, einem berühmten Namen und einem Titel, der aus zwei Substantiven besteht. Und man denkt sich, da müsste man eigentlich hin.
Manchmal zahlt sich das aus. Manchmal steht man dann vor achtzehn Werken des Künstlers und hundertzwanzig von Leuten, die ihn gekannt haben.
Der Untertitel verrät fast alles
Der Trick liegt im Kleingedruckten. „Werke aus der Sammlung" bedeutet: Das Haus zeigt, was es ohnehin besitzt, neu gehängt. Kann hervorragend sein, ist aber keine Sensation. „... und seine Zeitgenossen" oder „... im Dialog mit" heißt oft, dass der Hauptname mit wenigen Arbeiten vertreten ist und der Rest aus dem Umfeld kommt.
„Retrospektive" ist das ehrlichste Wort. Da geht es tatsächlich um ein Werk in seiner Entwicklung, und der Aufwand ist meist beträchtlich, weil Leihgaben aus vielen Häusern zusammenkommen.
Ich sage nicht, dass Ausstellungen der ersten Sorte schlecht sind. Ich sage, dass man vorher wissen soll, was man bekommt, damit man am Ende nicht enttäuscht ist über etwas, das nie versprochen wurde.
Vier Fragen vor dem Kartenkauf
- Wie viele Werke sind es? Steht meistens in der Presseaussendung. Unter siebzig ist ein Nachmittag, über zweihundert braucht zwei Besuche oder eine harte Auswahl.
- Woher kommen die Leihgaben? Wenn zehn internationale Häuser genannt werden, war da echte Arbeit dahinter.
- Gibt es einen Saalplan online? Ein Haus, das seinen Rundgang transparent macht, hat sich Gedanken über die Besucherinnen gemacht.
- Wie lange läuft sie? Alles unter drei Monaten ist üblicherweise dicht besucht, weil sich die Leute drängen.
Der beste Zeitpunkt ist nicht die Eröffnungswoche
In den ersten zwei Wochen nach der Eröffnung ist der Andrang am größten, weil alle Medien gleichzeitig berichten. Danach fällt es ab, und im mittleren Drittel der Laufzeit ist es am angenehmsten.
Die letzten zehn Tage sind wieder die Hölle. Da kommen alle, die es sich vorgenommen haben, gleichzeitig, und man steht in einer Schlange, die um das Gebäude geht.
Konkret heißt das: Eine Ausstellung, die im März eröffnet und im Juli endet, besuchen Sie idealerweise Ende April oder im Mai. Am Vormittag, unter der Woche.
Was ein gutes Ausstellungserlebnis ausmacht
Es hat weniger mit den Werken zu tun, als man glaubt, und mehr mit der Regie. Gute Häuser lassen Luft. Sie hängen weniger dicht, sie stellen Sitzgelegenheiten hin, sie schreiben Wandtexte, die man auch dann versteht, wenn man nicht Kunstgeschichte studiert hat.
Schlechte Regie erkennt man an drei Dingen: Wandtexte in Grau auf Hellgrau, in einer Schriftgröße, für die man näher hingehen muss, als der Abstandsstreifen erlaubt. Kein einziger Sessel im ganzen Rundgang. Und Räume, in denen der Weg unklar ist, sodass sich der Besucherstrom gegenseitig blockiert.
Das klingt nach Kleinigkeiten. Es ist aber genau das, was darüber entscheidet, ob Sie nach neunzig Minuten glücklich oder erschöpft hinausgehen.
Der Katalog, ehrlich betrachtet
Ein Ausstellungskatalog kostet zwischen dreißig und sechzig Euro, wiegt zwei Kilo und wird von den meisten Menschen einmal durchgeblättert.
Trotzdem kaufe ich manchmal einen, und zwar dann, wenn die Texte etwas erzählen, was in der Ausstellung nicht steht. Blättern Sie im Shop hinein und lesen Sie zwei Absätze. Wenn es Bildunterschriften mit Maßangaben sind, lassen Sie ihn liegen. Wenn dort jemand eine These vertritt, nehmen Sie ihn mit.
Der Trick mit der zweiten Runde
Wenn Sie am Ende eines Rundgangs angekommen sind, gehen Sie noch einmal zurück. Nicht durch alles, nur bis zu dem Werk, das Ihnen am meisten aufgefallen ist.
Beim zweiten Ansehen wissen Sie, wie es weitergeht, und das ändert den Blick. Man schaut ruhiger, weil man nichts mehr entdecken muss. Fünf Minuten, mehr braucht es nicht.
Ich hab bei dieser zweiten Runde schon Bilder wiedergefunden, die ich beim ersten Durchgehen völlig übersehen hatte, weil zwei Meter weiter etwas Lauteres hing.
Und wenn es Ihnen nicht gefällt?
Dann gefällt es Ihnen eben nicht. Es gibt in der Kunst keine objektive Verpflichtung zur Begeisterung, und der Umstand, dass ein Werk teuer und berühmt ist, verpflichtet Sie zu gar nichts.
Was ich mir angewöhnt habe: Wenn mich etwas kalt lässt, bleibe ich trotzdem eine Minute stehen und versuche zu benennen, warum. Nicht um mich zu bekehren, sondern weil ich dabei oft mehr über meinen eigenen Geschmack lerne als vor den Bildern, die mir sofort gefallen.
Der Frühling ist ohnehin die richtige Zeit dafür. Man geht hinein, während draußen alles nass und grau ist, und kommt heraus, wenn die Sonne steht.



