Die Christbäume liegen bei der Sammelstelle, das Wohnzimmer schaut auf einmal kahl aus, und draußen ist es weder weiß noch grün, sondern grau. Der Jänner hat keine Freunde.
Er hat aber leere Museen, und das ist mehr wert, als die meisten glauben.
Sie werden das Bild für sich haben
Wer im Sommer schon einmal versucht hat, in einem der großen Wiener Häuser ein berühmtes Gemälde in Ruhe anzuschauen, kennt das Gefühl: Man steht in dritter Reihe, jemand hebt ein Handy, und nach vierzig Sekunden gibt man auf.
Im Jänner, an einem Dienstagvormittag, stehen Sie allein davor. Nicht kurz allein, sondern minutenlang. Sie können zwei Schritte zurückgehen und dann wieder nah heran, Sie können den Pinselstrich am Rand anschauen, Sie können sich hinsetzen und einfach schauen.
Ich behaupte, dass diese Erfahrung ein Bild verändert. Dieselbe Leinwand, die im Juli ein Sehenswürdigkeitspunkt auf einer Liste ist, wird im Jänner zu etwas, mit dem man allein in einem Raum ist.
Was gerade läuft, ist oft besser als der Blockbuster
Die Häuser legen ihre größten Ausstellungen typischerweise auf Herbst und Frühjahr. Im Jänner läuft entweder die Herbstausstellung im letzten Drittel aus, oder es sind die kleineren, eigenwilligeren Sachen zu sehen: Sammlungspräsentationen, Grafikkabinette, Fotoausstellungen, Nachlässe.
Diese Formate sind selten plakatiert und meistens die interessanteren. Ein Grafikkabinett mit vierzig Blättern ist überschaubar, man wird nicht müde, und man geht mit dem Gefühl hinaus, wirklich etwas gesehen zu haben.
Praktische Dinge, die den Unterschied machen
- Schauen Sie vorher nach Ruhetagen. Viele Häuser haben Montag geschlossen, manche schließen im Jänner für Umbauten ganz oder teilweise. Nichts ist frustrierender als eine Stunde Anfahrt und eine verschlossene Tür.
- Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 19 gilt in den österreichischen Bundesmuseen. Das wissen erstaunlich viele Eltern nicht.
- Die Garderobe ist im Winter Pflicht und keine Schikane. Mit Mantel und Haube in der Hand sind Sie nach zwanzig Minuten fertig.
- Ein Kaffeehausbesuch danach gehört dazu. Rechnen Sie ihn gedanklich zum Ausstellungsbudget, dann ärgern Sie sich nicht über die vier Euro fünfzig für die Melange.
Die Regionalmuseen wachen jetzt auf
Außerhalb der Landeshauptstädte gibt es ein weit verzweigtes Netz an Landes-, Stadt- und Bezirksmuseen, das im Sommer von Touristinnen und im Winter von fast niemandem besucht wird. Manche haben im Jänner nur an wenigen Tagen offen, dafür oft mit Führung.
Und dort passiert dann etwas, das in großen Häusern unmöglich ist. Jemand nimmt sich vierzig Minuten Zeit für Sie allein, erzählt von der Sammlung, öffnet eine Lade, die sonst zu bleibt, und zeigt Ihnen ein Fotoalbum aus dem Ort. Das ist keine Museumsführung mehr, das ist ein Gespräch.
Das Gegenargument, und warum es nicht zieht
Natürlich sagt jetzt jemand: Im Jänner will man nicht raus. Es ist kalt, es ist finster, das Sofa ist warm.
Stimmt alles. Nur wird das Sofa nicht besser, je länger man drauf sitzt. Der Jänner hat diese Eigenschaft, sich selbst zu verlängern, wenn man ihn nur aushält. Vier Wochen ohne einen einzigen Termin, für den man sich anzieht, und man wundert sich Anfang Februar, warum man so dumpf ist.
Ein Museumsbesuch ist dagegen eine erstaunlich niederschwellige Gegenmaßnahme. Er dauert zwei Stunden inklusive Anfahrt, kostet weniger als ein Abendessen und verlangt keine Vorbereitung.
Zwei Stunden, mehr nicht
Setzen Sie sich ein Zeitlimit, bevor Sie hineingehen. Das klingt paradox, funktioniert aber, weil es den Druck herausnimmt.
Wer weiß, dass er um vier draußen ist, geht anders durch die Räume. Man wählt aus, statt abzuarbeiten. Und man verlässt das Haus mit dem Gefühl, dass noch etwas übrig ist, statt mit dem Gefühl, fertig zu sein.
Im Jänner ist das ohnehin die richtige Dosis. Draußen wird es um halb fünf finster, und dann will man ohnehin nur noch irgendwo im Warmen sitzen.
Ein Vorschlag für den nächsten grauen Samstag
Nehmen Sie sich ein Haus vor, in dem Sie noch nie waren. Nicht das berühmteste, sondern eines, an dem Sie hundertmal vorbeigefahren sind, ohne hineinzugehen. Schauen Sie nach, wann offen ist, fahren Sie mit der Bim oder dem Zug hin, und planen Sie danach nichts.
Es kann sein, dass es Ihnen nicht gefällt. Das gehört dazu, und es ist nicht schlimm.
Es kann aber auch sein, dass Sie in einem stillen Saal vor einem Bild stehen, das seit zweihundert Jahren dort hängt und heute nur für Sie da ist. Dafür lohnt sich der ganze Monat.



