Am Palmsonntag stehen sie vor jeder Kirche: Kinder mit Buschen, die größer sind als sie selbst, halb stolz, halb genervt, weil der Vater gesagt hat, sie sollen ihn nicht am Boden schleifen lassen.
Die Karwoche ist in Österreich dicht an Bräuchen, und das Erstaunliche ist, wie viele davon auch dort weiterleben, wo mit der Kirche sonst wenig los ist.
Der Palmbuschen und seine sieben Sorten
Der Buschen wird traditionell aus mehreren Pflanzen gebunden, in vielen Gegenden aus sieben: Palmkätzchen von der Salweide, Wacholder, Eibe, Buchs, Segenbaum, Stechpalme, Haselnuss. Welche genau, hängt stark von der Region ab, und jede Gegend ist überzeugt, dass die eigene Mischung die richtige ist.
Dazu kommen bunte Bänder, Brezen aus Germteig, manchmal eine ausgeblasene Eierschale. In Teilen Oberösterreichs und der Steiermark werden Buschen auf mehrere Meter langen Stangen zur Segnung getragen, und im Ort wird durchaus verglichen, wessen Buschen der größere ist.
Nach der Segnung kommt er hinters Kreuz, in den Stall, aufs Feld. Ein Zweig hinter dem Türstock zum Schutz vor Unwetter, das ist die alte Vorstellung. Ob man daran glaubt oder nicht: Der Buschen bleibt bei den meisten Familien bis zum nächsten Jahr hängen.
Warum die Glocken schweigen und was stattdessen kommt
Ab dem Gloria am Gründonnerstag bis zur Osternacht läuten die Glocken nicht. Die Erklärung, die man Kindern erzählt, ist, dass sie nach Rom fliegen. Die nüchterne Version ist ein Trauerzeichen.
An ihre Stelle treten die Ratschen. Das sind hölzerne Lärminstrumente, mit denen Kinder durch den Ort ziehen und die Gebetszeiten ausrufen, mit Sprüchen, die je nach Gegend unterschiedlich lauten. Es ist ein wirklich unangenehmes Geräusch, laut, klappernd, ohne jede Melodie.
Und es ist eines der schönsten Dinge, die in einem österreichischen Dorf passieren. Weil zwölfjährige Kinder um sechs in der Früh freiwillig aufstehen, in Gruppen durch die Gassen laufen und dabei etwas tun, das ihre Urgroßeltern gleich gemacht haben. Am Karsamstag gehen sie dann von Haus zu Haus und sammeln, und wer nichts gibt, hat ein Problem mit der öffentlichen Meinung.
Die Speisenweihe: Fleisch, Kren, Eier
Am Karsamstag oder Ostersonntag wird der Korb in die Kirche getragen. Was drin ist, ist regional verschieden, aber die Grundausstattung ist erstaunlich stabil:
- Geselchtes oder Osterschinken, gekocht, in Scheiben.
- Kren. Frisch gerissen, nicht aus dem Glas, und wer das schon einmal gemacht hat, weiß, warum man das am offenen Fenster tut.
- Gefärbte Eier, ein Osterbrot oder eine Pinze, Salz, in manchen Gegenden eine Reindling oder ein Stück Butter in Lammform.
Der Korb wird mit einem gestickten Tuch abgedeckt, das oft von der Großmutter stammt. Und dann steht man in einer Reihe von Menschen, die alle dasselbe tragen, es riecht nach Rauchfleisch und Weihrauch gleichzeitig, was eine wirklich merkwürdige Kombination ist.
Warum das überlebt
Man könnte annehmen, dass solche Bräuche verschwinden. Tun sie aber nicht, jedenfalls nicht so schnell.
Ich glaub, der Grund ist ein praktischer. Diese Bräuche haben eine Aufgabe für jeden. Das Kind ratscht, der Vater sucht die Zweige, die Großmutter bindet, jemand färbt Eier, jemand fährt in die Kirche. Es gibt etwas zu tun, und es gibt einen Termin. Feste ohne Aufgaben lösen sich auf. Feste mit Handarbeit halten sich.
Eier färben, ohne Chemie
Zwiebelschalen ergeben ein warmes Rotbraun, rote Rüben ein blasses Rosa, Kurkuma ein kräftiges Gelb, Blaukraut ein überraschendes Blau. Man kocht den Sud eine halbe Stunde, gibt einen Schuss Essig dazu und legt die Eier hinein.
Wer Muster will, wickelt vorher Petersilienblätter mit einem Stück alter Strumpfhose ums Ei. Klingt nach Bastelstunde und sieht danach besser aus als alles Gekaufte.
Die Farbe wird ungleichmäßig und jedes Ei anders. Genau das ist der Punkt.
Wenn Sie nichts davon gelernt haben
Nicht jede Familie hat diese Traditionen weitergegeben, und man kann sich nicht rückwirkend eine Kindheit basteln. Aber man kann klein anfangen, ohne Folklore.
Kaufen Sie einen Buschen am Markt, sie kosten je nach Größe fünf bis fünfzehn Euro. Färben Sie Eier mit Zwiebelschalen statt mit Tabletten aus dem Sackerl, das dauert eine halbe Stunde und ergibt ein Braunrot, das kein Fertigprodukt hinbekommt. Reißen Sie den Kren selbst.
Und gehen Sie in der Karwoche einmal in eine Kirche, wenn keine Messe ist. Es ist kühl, es ist leer, und die Altäre sind verhüllt.
Ostern ist danach lauter, bunter und mit zu viel Schinken. Aber diese eine stille Viertelstunde davor ist der Teil, an den ich mich im Sommer noch erinnere.



