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Brauchtum

Allerheiligen, Striezel und ein Grab, das niemand mehr besucht

30. Oktober 2025

Am Nachmittag des ersten November riecht es auf jedem österreichischen Friedhof gleich. Nasses Laub, Chrysanthemen, ein bisschen Wachs. Und wenn es früh dunkel wird, sieht man von der Straße aus dieses flackernde Lichtermeer hinter der Mauer, das jedes Jahr wieder erstaunlich schön ist, auch wenn man mit dem religiösen Teil nichts am Hut hat.

Es sind Tage, an denen sich Familien treffen, die sich sonst nicht treffen.

Zwei Tage, die oft verwechselt werden

Allerheiligen am 1. November ist der Feiertag aller Heiligen, gesetzlicher Feiertag in Österreich, arbeitsfrei. Allerseelen am 2. November ist der Gedenktag für die Verstorbenen und kein Feiertag. Die Gräbersegnung findet je nach Pfarre am einen oder anderen Tag statt, meist am Nachmittag, und viele Familien richten sich danach.

Praktisch verschwimmt das ohnehin. Der Grabbesuch passiert am Feiertag, weil man da frei hat.

Der Godenstriezel: Zopf mit Vertrag

Der schönste Brauch dieser Tage hat mit dem Friedhof gar nichts zu tun. Die Godn und der Göd, also Patin und Pate, schenken ihren Patenkindern rund um Allerheiligen einen geflochtenen Hefezopf, den Striezel. Regional heißt er Allerheiligenstriezel, Godenstriezel oder einfach Strietzel, in manchen Gegenden kommen Nüsse oder Rosinen hinein, in anderen wäre das eine Beleidigung.

Der geflochtene Zopf geht vermutlich auf ein Trauersymbol zurück: Frauen schnitten früher ihr Haar ab und legten den geflochtenen Zopf ins Grab. Ob das historisch wasserdicht ist, darüber streiten die Volkskundlerinnen. Schön ist die Vorstellung trotzdem.

Der Striezel aus der Bäckerei kostet je nach Größe zwischen vier und zehn Euro. Selbstgemacht schmeckt er besser, das ist eine Tatsache und keine Nostalgie, weil ein Germteig aus dem Supermarktregal nach zwei Tagen trocken ist und ein selbstgemachter am dritten Tag am besten schmeckt, in Scheiben, mit Butter, kurz in der Pfanne angeröstet.

Was am Grab wirklich passiert

Es gibt diese stille Choreografie, die jeder kennt, der als Kind mitgeschleppt wurde. Man zupft Unkraut, das gar nicht da ist. Man richtet die Kerze gerade. Man redet leise über Dinge, die mit dem Verstorbenen nichts zu tun haben, über die Straßenbahn, über das Wetter, über die Preise. Und dann steht man zwei Minuten still und weiß nicht recht, wohin mit den Händen.

Genau da kippt die Sache ins Menschliche. Diese Unbeholfenheit ist kein Fehler im Brauch, sie ist der Brauch. Wir haben in Österreich sonst wenige Gelegenheiten, gemeinsam still zu sein und dabei nicht komisch zu wirken.

Ein paar praktische Dinge

  • Grablichter aus Glas oder Metall halten länger als die dünnen Plastikbecher, die nach dem ersten Regen zusammenfallen. Manche Friedhöfe haben inzwischen eigene Sammelbehälter dafür, weil die Menge an Abfall nach dem 2. November beachtlich ist.
  • Chrysanthemen sind das klassische Grabgesteck, aber Erika hält im Freien länger.
  • Wenn Sie mit älteren Angehörigen hingehen: Gehen Sie am Vormittag. Die Parkplätze rund um größere Friedhöfe sind ab Mittag hoffnungslos, und die Wiener Linien führen zum Zentralfriedhof rund um Allerheiligen zusätzliche Kurse.

Das Gasthaus danach

Der zweite Teil des Tages wird oft verschwiegen, dabei ist er der lebendigere. Nach dem Friedhof geht man essen. Rund um viele Friedhöfe gibt es Wirtshäuser, die genau von diesen zwei Tagen im Jahr leben, und da sitzen dann drei Generationen an einem langen Tisch, es gibt Gulasch oder Backhendl, und nach einer halben Stunde wird gelacht.

Das ist kein Widerspruch zur Trauer. Bei uns hat der Tod immer schon eine gesellige Seite gehabt, ob einem das nun gefällt oder nicht.

Was man Kindern erzählt

Die Versuchung ist groß, die Sache abzukürzen. Der Opa ist da drin, aus, weiter. Kinder fragen dann aber nach, und zwar sehr direkt, oft mitten in der Stille.

Meine Erfahrung: Ehrliche, kurze Antworten funktionieren besser als schöne Umschreibungen. Wer sagt, der Opa schläft, produziert ein Kind, das Angst vorm Einschlafen hat. Wer sagt, er ist gestorben und wir kommen deswegen einmal im Jahr her und zünden eine Kerze an, bekommt ein Nicken.

Und lassen Sie das Kind die Kerze anzünden. Es macht das sehr ernsthaft, mit der Zunge im Mundwinkel, und danach ist der ganze Nachmittag für alle leichter.

Und wenn das Grab niemand mehr besucht

Es gibt auf jedem Friedhof diese Reihen mit den schiefen Steinen, wo seit Jahrzehnten keine Kerze mehr steht. Die Nutzungsrechte laufen aus, die Nachkommen sind weggezogen oder selbst gestorben, irgendwann wird das Grab aufgelassen.

Meine Großmutter hat auf dem Weg zurück zum Ausgang immer bei einem fremden Grab eine zweite Kerze angezündet. Ohne Erklärung, ohne Pathos. Sie hat gesagt, es kostet nichts.

Ich mach das inzwischen auch. Und ich fürchte, das ist der einzige Brauch aus meiner Kindheit, den ich wirklich freiwillig weiterführe.

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